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Skies of Arcadia

geschrieben von Andreas Wende

Hersteller: SEGA / Overworks
Genre: Rollenspiel
System: Dreamcast, US-Version
Besonderheiten: 2 GD-Roms, VMU-Minispiel
USK (ESRB): Teen
Spieler: 1
Testmuster von: Eigenimport

Schönes, seltsames Arcadia, Welt der sechs Monde, deren Landmassen wie Inseln in der Luft schweben und nur von fliegenden Schiffen erreicht werden können. Eine Welt, die unzählige Abenteuer bereit hält und, gepresst auf zwei GD Roms, für so manch durchzockte Nacht sorgen wird! Wir haben uns für Euch in die Lüfte geschwungen...

Die Story
Die Story beginnt, als ein Kreuzer des Valuanischen Imperiums das kleine Schiff von Fina, der mysteriösen Gesandten der Silbernen Zivilisation aufbringt und die Fremde als Geisel nimmt. Zufällig hat sich just in diesem Moment eine kleine Gruppe von Air Pirates, sogenannte Blue Rogues, eine Art Robin Hoods der Lüfte, eben dieses valuanische Kriegsschiff als Ziel für den nächsten Beutezug ausgesucht und durchkreuzt damit unwissentlich die Pläne des Imperiums.

Gemeinsam mit der Beute und der befreiten Fina geht es Heim nach Pirates Island, wo Vyse, Sohn des Kapitäns und Hauptdarsteller der folgenden Abenteuer wenig später beobachtet, wie ein Mondstein, wertvoller Quell von Waffen und Magie, auf einer benachbarten Insel niedergeht. gemeinsam mit seiner kleinen Piratenfreundin bricht er am nächsten Tag auf, den Stein zu bergen, doch als das halbwüchsige Piratenpärchen zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es war.

Kaum waren sie weg, wurde das idyllische Piraten Eiland von einem valuanischen Flottenverband angegriffen und nun befindet sich nicht nur Fina, sondern auch die ganze Piratencrew in der Gewalt des Imperiums. Die eine, um doch den finsteren Plänen Valuas zu dienen, die anderen, um öffentlich hingerichtet zu werden!

Klar, dass die Beiden das nicht zulassen können und sich deshalb, noch grün hinter den Ohren, kopfüber in ein gefährliches Abenteuer stürzen, an dessen Ende sie im Herzen von Valua um das Leben der Ihren kämpfen und zu Helden werden!

Und wer sich jetzt fragt, wie ich nur so dämlich sein kann, schon in wenigen Sätzen fast alles zu verraten, darf beruhigt sein. Denn obwohl das Abenteuer bis zum erwähnten „Ende“ schon mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die meisten renommierten Action Adventures, sprechen wir dennoch über nicht mehr als die blosse Overtüre zu den noch folgenden Abenteuern epischen Ausmasses, die über Zukunft und Fortbestand von Arcadia, der Welt unter den sechs Monden entscheiden werden.

Ganz zu schweigen von den zahlreichen Discoveries, Sub Quests und einem nicht zu unterschätzenden VMU Minigame...

Das Gameplay
Man ist von RPG`s inzwischen Einiges gewohnt, was hier an Gameplay Vielfalt oft geboten wird, reicht in anderen Genres gut gerne auch mal für zwei oder drei Games aus. Auch Skies of Arcadia macht da keine Ausnahme, was Segas Overworks Team auf die zwei GD Rom`s gepackt hat, kann sich wirklich sehen lassen!

Bei aller Liebe zum Detail und wohldosierter Innovation, das Genre neu erfunden haben die Entwickler natürlich nicht. Auch hier findet ein ganz erheblicher Teil des Spiels als traditionelles Herumgewandere der Party, hier verkörpert durch Anführer Vyse, statt, immer wieder unterbrochen von den typischen rundenbasierten Zufallskämpfen gegen Fussvolk und Bossgegner (und natürlich unzähligen friedlichen Gesprächen mit NPC`s). Angefangen bei der normalen Attacke, über erlernbare Specialmoves und Magie, bis hin zum Einsatz diverser Items oder aber Flucht als letzter Möglichkeit dekliniert Skies of Arcadia routiniert das gesamte Genre Repertoire herunter, natürlich inkl. Aufleveln der Charaktere, eigenem Magiesystem und diverser abnormaler Zustände.

Das Ganze kommt, insbesondere in Bezug auf die Charakterentwicklung und das auf den sechs Mondfarben basierende Magiesystem relativ unkompliziert und deshalb auch besonders einsteigerfreundlich daher. Doch keine Angst, auch meilenweit von der Komplexität von RPGs a lá Vagrant Story und Final Fantasy 8 und 9, bietet Skies of Arcadia auch versierten Rollenspielern ein interessantes Spielerlebnis.

Da die Welt von Arcadia wie bereits erwähnt aus fliegenden Inseln besteht, ist es mit blossem Herumwandern natürlich nicht getan, viel Zeit verbringt Ihr auch auf den verschiedensten Schiffen hoch über den Wolken. Auch hier kommt es immer wieder zu den angesprochenen Zufallskämpfen, in Ermangelung von Dungeons finden sie hier schlicht auf Deck statt.

Etwas spektakulärer und innovativer sind da schon die gelegentlichen Schlachten zwischen den Schiffen selbst, z.B. gegen die Black Rogues, die bösen Piraten, oder auch immer wieder gegen imperiale Schlachtkreuzer. Im Prinzip funktionieren diese Auseinandersetzungen aber nach ähnlichen Spielmechanismen, wie die übrigen, typischen RPG Kämpfe.

Doch das abwechslungsreiche Gameplay hat noch erheblich mehr zu bieten, sei es die witzig gemachte Suche nach Nahrung für Cupils, Finas Begleiter und lebende Waffe, bei der Euch ein unterschiedlich intensives Piepsen im VMU den Weg zur unsichtbaren Nahrung weist, die zahlreichen kleinen Rätseleinlagen, Mutiple Choice Entscheidungen, oder auch das erwähnte, äusserst nützliche VMU Minigame.

Pintas Quest
Früh im Spiel begegnet Ihr auf Sailors Island dem kleinen Pinta, der genau wie Vyse am liebsten sofort hoch hinaus in die Wolken will. Dummerweise kennt er sich am Himmel von Arcadia überhaupt nicht aus und bietet Euch deshalb einen Deal an: Wenn er mit Hilfe Eurer Karten lossegeln darf, sollen Euch alles Gold und alle Items gehören, die er auf seiner Suche findet.

Seid Ihr bereit und in der Lage, die nötigen 83 Speicherblocks zur Verfügung zu stellen, könnt Ihr jederzeit mit Pinta in den Himmel von Arcadia starten und Euch dort gegen Stürme, ungünstige Winde und Piraten behaupten, alle erdenklichen Items finden und mit zahlreichen, im wahrsten Sinne des Wortes fliegenden Händlern tauschen und natürlich jede Menge Gold einsammeln.

Im eigentlichen Spiel könnt Ihr Pinta jederzeit zurückrufen, auf dass er sein üppiges Füllhorn über Eurer Party ausschüttet und Gruppenkasse als auch Inventar großzügig auffüllt. Im Gegenzug erhöht sich Pintas Level und damit steigt wiederum seine Fähigkeit, Items zu finden, aber auch die Schusskraft seines Schiffes.

RPG Einsteiger und notorisch schlecht organisierte, häufig klamme Rollenspieler sind gut beraten, Pinta so häufig wie möglich auf die Reise zu schicken, denn für sie könnte der stete Strom von Gold und teilweise sehr guten Items durchaus spielentscheidend sein!

Die Optik
Oft stechen Spiele in einem bestimmten Bereich aus der Menge hervor, erkaufen sich diese Besonderheit aber mit Einschränkungen an anderer Stelle, bei RPGs war das häufig die Grafik. Nicht so Skies of Arcadia! Das Land unter den sechs Monden bietet selbst verwöhntesten Spielern Eyecandy in bisher kaum gekannter Güte.

Das fängt schon beim Startvideo an, dass mit seinen zahlreichen Ausschnitten Lust auf mehr macht. Und tatsächlich verspricht es bei aller Pracht nichts, was das Game nicht halten könnte! Jede der Locations glänzt durch technische Perfektion, als auch durch die unglaubliche Detailverliebtheit der Designer.

Alle Landstriche sehen komplett anders aus, fein herausgearbeitet die unterschiedlichsten Einflüsse, gleich ob europäisch oder z.B. arabisch. Wüstentempel als Reminiszenz altägyptischer Baukunst erfreuen das Auge ebenso, wie immergrüne prächtige Landschaften, die direkt dem Amazonas entsprungen sein könnten und vieles mehr.

Doch auch ohne eigentliche Landschaft, d.h. an Bord der Schiffe, weiss Skies of Arcadia nicht weniger zu begeistern, sei es wegen der gut in Szene gesetzten unterschiedlichen Wind- und Wetterbedingungen, oder dem Hauch von freiheit, den man in den Wolken von Arcadia fast spürbar greifen kann.

Nicht mal in den Dungeons findet sich noch eine Spur von der bescheidenen optische Zweckmässigkeit so mancher klassischer RPGs. Streift man mit Vyse durch Gassen und Gänge könnte man genausogut annehmen, mitten in einem optisch fast perfekten 3D Action Adventure zu stecken, in dem Spiel- und Filmsequenzen nahtlos ineinander übergehen.

Bei Overworks müssen Besessene am Werk gewesen sein, anders lässt sich dieser Grad an Perfektion, der die Suche nach Grafikbugs praktisch aussichtslos macht, nicht erklären. Eine Perfektion, die übrigens auch nahtlos auf die einzelnen Charaktere übertragen wurde.

Äußerlich eher grossgewachsen stellen sie mit den gleichzeitig vorhandenen Anleihen an das traditionelle Charakterdesign japanischer RPGs eine gelungene Synthese beider Stilrichtungen dar. Keine Figur gleicht der anderen, allen gemeinsam ist aber eine erstaunliche physische Präsenz. Bedenkt man, dass Vyse beispielsweise irgendwann sein eigenes Schiff mit bis zu 22 Besatzungsmitgliedern ausstatten muss, wird die Fleissarbeit der Entwickler deutlich.

Ein weiteres Highlight, wie sollte es in einem hochklassigen RPG auch anders sein, ist die grafische Umsetzung der Zaubersprüche. Hier erwarten den Spieler traumhafte Grafik- und Lichteffekte. Auch wenn der Umfang der möglichen Magie nicht an den von Spielen wie Final Fantasy 9 herankommt, rein optisch brauchen sich auch die Zaubereien und Specialmoves in Skies of Arcadia vor denen anderer RPGs nicht zu verstecken.

Der Sound
Der Soundtrack von Skies of Arcadia fügt sich nahtlos ins Gesamtbild. Man kann nur bedauern, dass hierzulande in der Spielerschaft keine ähnliche Spiele Soundtrack Kultur entstanden ist, wie sie in Japan längst alltäglich ist. Bombastische orchestrale Klänge wechslen sich ab mit filigranen Kompositionen, die stets exakt das Geschehen auf dem Bildschirm, bzw. die aktuelle Umgebung akustisch unterstützen und Ihr dadurch mehr Tiefe verleihen. Auch sämtliche Soundeffekte, sowohl innerhalb der zahlreichen Filmsequenzen, als auch im Spiel selbst, hier besonders in den Kämpfen, erreichen die selbe hohe Qualität.

Bedauerlich angesichts des qualitativ hohen Levels ist dagegen das fast völlige Fehlen von Sprachausgabe! Zwar wurden für jeden Charakter einige kurze Voicesamples integriert, die eigentlichen, exzellenten englischen Dialoge finden aber auch hier, absolut genretypisch leider nur per Schrifteinblendung statt. Doch auch ohne Sprachausgabe verdient Skies of Arcadia höchste Soundwertungen. Wer weiss, wofür es gut ist, schliesslich ist schon mehr als nur grosses Spiel an seiner schlechten Synchronisation gescheitert!

Ein fehlerfreies Vergnügen?
Skies of Arcadia ist ein modernes, optisch durchaus zukunftsweisendes RPG, das
-unglaublich aber wahr- tatsächlich ohne gravierende Schwächen daherkommt, weder audiovisuell noch spielerisch! Auch wenn es fast schon nach Erbsenzählerei aussehen mag, Raum für minimale Verbesserungen bietet es dennoch.

Videospiele müssen nicht dumm und verblödend sein, wie die fachfremde Kritik die Öffentlichkeit immer wieder Glauben machen will. Skies of Arcadia beispielsweise enthält neben allen spielerischen Freuden lobenswerter Weise auch einen explizit sozialkritischen Ansatz. Der ist allerdings durch die simple Zweiteilung der valuanischen Gesellschaft in Arm und Reich etwas zu plump und aufdringlich ausgefallen. Etwas hintergründiger und weniger platt hätte es schon sein dürfen.

Etwas mehr sollte dagegen das Magie- und Specialmove System von Arcadia bieten. Gerade wer ausgiebig Pintas Quest nutzt und dort z.B. die wertvollen Moonberries findet, kann lange vor der Zeit eine Palette von Fähigkeiten aufbauen, für die es eigentlich noch zu früh ist.

Auch die Höhe einiger Preise für Items sind in Anbetracht des Einflusse, den das VMU Minigame haben kann, deutlich zu niedrig ausgefallen. Insbesondere die geringen Kosten für regenerative Items machen die ganze Sache etwas zu leicht. Schlimm genug, wenn ich für die verhältnissmässig niedrige Summe von 75 Goldstücken z.B. 8000 HP für mein Schiff einkaufen kann. Noch schlimmer jedoch, wenn ich gleich zwanzig oder dreissig dieser Repair Kits auf einmal kaufen und dank Pinta immer noch quasi aus der Portokasse bezahlen kann.

Trotz allem sind und bleiben derartige Kleinigkeiten Peanuts im Vergleich zu manch anderem, was Spieler in diversen Games schon alles über sich ergehen lassen mussten. Von wirklichen Bugs kann man in den genannten Fällen ohnehin nicht reden. Auch deshalb kann man Skies of Arcadia getrost allen Spielern ans Herz legen, die auf der Suche nach echten Qualitätsspielen sind!

fazit

Skies of Arcadia ist ein Sega Inhouse Meisterwerk, nicht mehr und nicht weniger! Zwei, drei RPGs dieser Güte als DC-Launchtitel - sprich Skies of Arcadia, Grandia 2 und Phantasy Star Online - und die Geschichte der wohl letzten Sega Hardware wäre eine andere geworden!

Welches der drei Games das Beste ist? Schwer zu sagen! Für mich hat der im Vorfeld in den Medien etwas zu kurz gekommene Underdog Skies of Arcadia knapp die Nase vorn. Phantastisch plastische Welten und Charaktere, die Story tiefer (wenn auch nur offline) als die von PSO, das Gameplay nicht ganz so linear wie das von Grandia 2, haben mich Vyses Abenteuer voll überzeugt.

Ein Stück Konsolengeschichte, das vor der Zeit bestehen wird und schon für sich allein den Kauf der Sega Hardware rechtfertigen kann! (aw)


grafik: 9.5 | sound: 9.5 | gameplay: 9.0 | gesamt: 9.5
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