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Tokyo Highway Challenge 2

geschrieben von Andreas Wende

Hersteller: Genki / Crave / Ubi Soft
Genre: Rennspiel
System: Dreamcast, PAL-Version
Besonderheiten: VMU
USK (ESRB): ohne Altersbeschränkung
Spieler: 1
Testmuster von: Ubi Soft

Nachts über die Tokioter Stadtautobahn rasen und einen Gegner nach dem anderen versägen: Was japanische Zocker derart verzückt, dass sie keinen Gedanken an die eklatante Streckenarmut eines Tokio Highway Challenge verschwenden, hat es hierzulande schwer.

Kein Wunder also, dass dieser Titel eines der ersten DC-Games war, dass regelmässig per Sonderangebot verramscht wurde. Jetzt wagt sich Entwickler Genki ein zweites Mal auf die Piste. Hat der ungewöhnliche Racer diesmal genug unter der Haube, um die hiesigen Käufer zu überzeugen?

Herzstück von "Tokyo Highway Challenge 2" ist auch diesmal wieder der sogenannte Quest Mode. Daneben finden sich im Menü noch Quick Race, Time Attack, Free Run und die Rubrik Website. Diese dürft Ihr allerdings sofort wieder vergessen, was in unserer Testversion noch so vielversprechend aussah, findet leider schon im Booklet der Verkaufsversion gar keine Erwähnung mehr!

In der Quest startet Ihr als Nobody und versucht Euch in illegalen Strassenrennen im wahrsten Sinne des Wortes einen Namen zu machen (der wird Euch nämlich immer wieder neu von der Konkurrenz gegeben). Doch kein Rennen ohne fahrbaren Untersatz und so haben die Entwickler von Genki vor das Rennvergnügen erstmal den Autokauf gesetzt. Und der ist ernüchternd! Denn mehr als 15000 Credits gestehen die Entwickler einem Nobody nicht zu und das ist fast so, als spendiert Euch Eure Oma zu Weihnachten coole dreissig Mark zum Videospielekauf! Im Klartext: Für solche Summen gibts fast nur Schrott!

So teilt sich der Wagenpark von THC2 in drei verschiedene Klassen, A, B und C und bevor Ihr mal einen Flitzer der Katogorie A in die Finger bekommt, vergeht viel, sehr viel Zeit. Da stört es auch nicht, dass von den weit über hundert theoretisch erwerbbaren Fahrzeugen zu Beginn keine zwei Dutzend zur Verfügung stehen. Die übrigen Wagen müssen erst durch Rennsiege einer nach dem anderen freigeschaltet werden. Wie gehabt versorgen Euch Siege darüberhinaus auch mit dem nötigen Kleingeld für Eure zukünftigen Einkäufe.

"Kleingeld" darf man hier übrigens getrost wörtlich nehmen, denn angesichts hoher Preise und niedriger Siegprämien kommt lange Zeit kein Zweitwagenkauf (obwohl Altfahrzeuge auch zu Geld gemacht werden dürfen), sondern lediglich der Griff ins Tuning Regal in Frage. Das ist allerdings prall gefüllt, denn Tuning Parts gibts reichlich. Vom Motortuning über die Aerodynamik bis hin zur Gewichtsreduktion dürfen alle Register gezogen werden, damit Ihr auf der Piste nicht den Anschluss verliert, das Ganze natürlich meist in mehreren kostspieligen Ausbaustufen.

Wer den Vorgänger kennt, weiss was spielerisch folgt: Ihr cruised mit Eurer mehr oder weniger aufgebohrten Karre über die nächtliche Stadtautobahn und sucht Euch mit Hilfe einer kleinen, links unten eingeblendeten Streckenkarte Eure potentiellen Opfer aus. In Reichweite blinkt Ihr sie nun an und fordert sie damit zum Duell auf. Handelt es sich nicht gerade um den Boss einer Gang, deren Mitglieder Ihr noch nicht besiegt habt und seid Ihr auch nicht unwürdig schwach motorisiert, dann werden sich die so provozierten Fahrer (über 300) üblicherweise kein zweites Mal zum Tanz bitten lassen.

Auch diesmal sind die Kontrahenten wider mit je einer Lebens- oder nennen wir es besser Zeitleiste ausgerüstet, die erbarmungslos nach unten tickt, sobald das dazugehörige Fahrzeug auf die zweite Position fällt. Ist die Leiste leer, ist das kurze Rennen vorbei. Habt Ihr gewonnen, erhaltet Ihr einen kleinen Geldbetrag gutgeschrieben, der sich aus der Kombination verschiedener Rennparameter errechnet (wieviel Energie habt Ihr noch, wie weit seit Ihr gefahren, etc.) und weiter gehts, auf der Suche nach der nächsten Herausforderung.

Die meisten Gegner sind, gerade zu Anfang, keine wirkliche Herausforderung, die Anführer von Gangs könnt Ihr aber erst stellen, wenn Ihr Fussvolk besiegt ist. Tunlichst vermeiden sollte man auf jeden Fall aber immer den Kontakt mit der Streckenbegrenzung. Auch ohne Schadensmodell werdet Ihr auf diese Weise nämlich so stark abgebremst, dass Ihr unter Umständen sogar zum Stehen kommt und das Rennen damit gelaufen ist. Läuft dagegen alles glatt, wird der entsprechende Fahrer in eure Gegnerbibliothek eingetragen und Ihr könnt Euch später jederzeit informieren, welche Rennleichen Euren hoffentlich unaufhaltsamen Aufstieg nach oben pflastern.

Kein Sequel ohne Veränderungen bzw. Verbesserungen, so auch bei Tokyo Highway Challenge 2: Rigoros ausgemerzt wurden die drei Hauptkritikpunkte des Vorgängers - Streckenumfang, Fahrverhalten und Perspektiven.

Der seinerzeit stark kritisierte einzige Kurs von THB wurde diesmal auf nicht weniger als 150 KM erweitert und kommt in Form mehrerer Teilabschnitte daher, die alle über zahllose Abfahrten miteinander verbunden sind, sodass man theoretisch das ganze Streckennetz in einem Rutsch durchfahren kann. So schön der erweiterte Umfang ist, gleichzeitig dauert es nun aber auch oft deutlich länger, bis man einen bestimmten Gegner erreicht hat.

Ebenso hat man bei Genki Hand angelegt, an das von vielen als zu schwammig empfundene Fahrverhalten des Prequels. Diesmal hat man jederzeit das Gefühl, dass die Karre auch macht, was man will. Schade nur, dass in Genkis automobilem Tokio immer noch keine Handbremsen erfunden wurden, was bei Kurvenfahrten manches Mal sehr hilfreich wäre. Die spielbaren Perspektiven wurden ebenfalls erweitert, inzwischen vier an der Zahl, davon eine durchaus brauchbare Egoperspektive.

Die Optik von Tokyo Highway Challenge 2 ist über jeden Zweifel erhaben! Sicher, die nächtliche Tokioter Statdtautobahn rangiert grafisch zwangsläufig unter der abwechslungsreichen Grafik der hautnah erlebbaren MSR Metropolen, ist aber dennoch sehenswert. Die eigentliche Grafikpracht bringt erst der umfangreiche, voll lizensierte Fuhrpark auf den Bildschirm, das aber dann gewaltig! Um es kurz zu machen: Von Gran Turismo über Metropolis Street Racer bis hin zu Ridge Racer V gibt es kein Rennspiel, vor dem sich die Tokyo Highway Challenge 2 Car Parade verstecken müsste.

Hervorragend modellierte Karosserien ohne Treppchen und Kanten, auf Hochglanz poliert und mit zahlreichen gut zur Geltung kommenden optischen Veränderungsmöglichkeiten - vielleicht kann man über Sinn und Unsinn des Spielprinzips diskutieren, über das Aussehen der Wagen kann man das definitiv nicht!

Ja, wie perfekt könnte das nächtliche japanische Streetracer Paradies sein, hätten die Entwickler von Genki nicht gleichzeitig einen dicken Aufreger namens Framerate implementiert. Denn so flüssig die Grafikengine die meiste Zeit über auch laufen mag, beginnt Ihr ein Rennen in unmittelbarer Nähe zu anderen Verkehrsteilnehmern, stehen Eure Chancen auf einen regelrechten Zeitlupenstart nicht schlecht. Geratet Ihr gar an eine Stelle, an der Euer DC zusätzlich neue Streckendaten von der GD-Rom saugt, reichts für einen kurzen Augenblick schon mal zum waschechten Standbild!

Was sich hier genauso wüst anhört, wie die Zustände bei Driver 2 ist zum Glück zwar ärgerlich, aber noch lange nicht so spielentscheidend wie beim Nachfolger zum Reflections Kulttitel. Dennoch muss auch für Tokyo Highway Challenge 2 gelten: Die Technik des Sequels kann niemals ungestraft schlechter sein, als die des Vorgängers!

Tokyo Highway Challenge 2 ist eigentlich fast schon kein Rennspiel mehr. Die große Zahl an Gegnern, verfügbaren Fahrzeugen und Tuningmöglichkeiten und die immense Spielzeit, die es braucht, bis man wirklich alles gesehen hat (sofern man das überhaupt will) erinnert fast schon an ein Rollenspiel. Hätte man bei Genki noch ein bischen am Gameplay gefeilt und vor allem eine gehaltvolle Story hinzugefügt, wäre aus Tokyo Highway Challenge 2 wirklich geworden, was Squaresofts Racing Lagoon vor Jahren gerne auf der PlayStation geworden wäre: Ein Highspeed Driving RPG! Im dritten Teil wollen wir dann aber lieber wieder etwas mehr Geld sehen, damit die ganze Sache sich nicht mehr gar so über Gebühr in die Länge zieht. Zum Ausgleich dürfen es dann auch gerne 250 KM Stadtautobahn sein.

fazit

Tokyo Highway Challenge war für mich eines der Spiele, die mich von Beginn an für Segas DC eingenommen haben. Sehr schnell wurde das Spiel dann im großen Stil verramscht und seitdem frage ich mich: Bin ich wirklich so anders, als alle anderen?

Für Tokyo Highway Challenge 2 gilt wie für den Vorgänger: Man liebt oder man hasst es, dazwischen gibt es nichts! Wer auf die üblichen mehrere Runden Rennen und auch auf Tageslicht im Spiel verzichten kann, wird mit diesem beinahe schon Special Interest Titel genausoviel Spass haben, wie mit Teil 1.

Ob der größere Streckenumfang die Nichtfans des Vorgängers diesmal bekehren kann, wage ich allerdings zu bezweifeln! Eigentlich schade, denn alleine der treppchenfreie und hochglänzende Fuhrpark hätte mindestens genausoviel Aufmerksamkeit verdient, wie Namcos Ridge Racer V! Wer sich nicht sicher ist, wagt auf jeden Fall ein Probespiel, denn ein Highlight ist THC2 allemal, wenn auch ein sehr spezielles! (aw)


grafik: 8.0 | sound: 7.0 | gameplay: 8.0 | gesamt: 8.0
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